Nostalgie

Es ist der Geruch. Auch nach mehr als 60 Jahren geht es mir immer noch so. Irgendwo wird die Straße geteert und ich bin wieder zurück in frühester Kindheit. Und die fand am Ende der Welt statt. Hinterstein ist immer noch ganz weit hinten – nur daß inzwischen unglaublich viele Urlauber diesen Ort gefunden haben, der für mich das Paradies war. Damals Buckelwiesen vor dem Haus, da wo heute der Prinze Gumpe – das Freibad – ist und hinten die Bergkette, mit der sich die Allgäuer die Österreicher vom Leib halten.

Lausbub im Ostrachtal

Die paradiesische Landschaft von Hinterstein, hier im Ostrachtal vor dem hinteren Dorf im Jahr 1951.

 

1951 muß das wohl gewesen sein, als Arbeiter anrückten und die als Feldweg existierende Verbindung in das Hintere Dorf zur Teerstraße erhoben. Das hat mich schwer beeindruckt und unsere Sommergäste, die jährlich anreisten um in Kinderzimmer und Eltern-Schlafzimmer zu übernachten, konnten erstmals staubfrei zu uns gelangen. Sie kamen aus Stuttgart, ja sogar aus Köln – lokalpatriotisch mit einem Mercedes 170 und einem Ford Taunus „Weltkugel“.

1954er Opel Kapitän: Das Auto der Wirtschaftsbosse, die keine freistehenden Kotflügel mehr wollten.

1954er Opel Kapitän:
Das Auto der Wirtschaftsbosse, die keine freistehenden Kotflügel mehr wollten.

Und lange bevor das eigene Familienauto angeschafft wurde, war die Fahrt mit den „Sommerfrischlern“ auf das Oberjoch ein aufregendes Erlebnis. Die Zubehörindustrie hatte sich gerade eingerichtet und bot den scheinbar unverzichtbaren Windabweiser für die Kühlerhaube an. Dieser kleine Winkel aus farbigem Acrylglas sollte die Aerodynamik erhöhen und sogar die Fliegenleichen auf der Windschutzscheibe verhindern.

Irgendwie hat sich das Teil doch nicht richtig durchgesetzt, aber ein Anfang für den Absatz von Scheinwerferblenden, Wackeldackel, Blumenvase etc. war gemacht. Über Rallyestreifen, Spoiler, Fuchsschwanz und Wunderbaum hat sich dann die Branche bis zu extrabreiten Aluminiumfelgen und viel mehr Unnützem hochgearbeitet.

Diese optische Individualisierung war Anfang der 50er Jahren noch nicht nötig. Wer ein Auto hatte, war sowieso schon was besseres und die Modelle konnte man gut unterscheiden. Vom VW Käfer über den Opel Rekord, den Buckel-Ford Taunus und die Handvoll weiterer Hersteller erkannte man das Sehnsuchtsobjekt Auto schon von weitem. Heute ist das nicht mehr so einfach – dank der alle gleichmachenden Aerodynamik. Dabei wäre doch vielleicht der kleine Windabweiser auf der Kühlerhaube die Lösung gewesen…

Illustration zum Thema Autoreisen aus den 50er Jahren.

Illustration zum Thema Autoreisen aus den 50er Jahren.

Das also ist in meinem Fall wohl die frühkindliche Prägung: Teergeruch und pausbäckige Autos in einem Umfeld wo immer noch der Zipfelsbach in Richtung Ostrach rauscht und Original Allgäuer Kuhglocken den Ton bestimmen.

Zipfelsbach in Hinterstein

Da rauscht er von der Zipfelsalpe in Richtung Ostrach: Der Zipfelsbach.